Sportabzeichenabnahme

Saskia Helfenfinger-Jeck
Montag, 12. Juli 2021 – 15:30 Uhr
In Frankreich ist es ein Nationalsport. Boule oder Pétanque werden in Ludwigshafen
aber auch intensiv gespielt. „Wir sind hier wirklich eine Hochburg“, sagt Horst Hein,
Jugendwart des rheinland-pfälzischen Verbandes. Schließlich kommen nationale Titelträger aus der größten pfälzischen Stadt. Und diese haben etwas ausgelöst.
Kaugummi kauend kniet Hannes Eberspach im Ring. Tief hat er sein rotes Käppi mit dem
markanten Logo der New York Yankees ins Gesicht gezogen, formt die Hand kurz zu einem
Art Rohr, pustet hindurch, greift die silberne Kugel, führt den Arm nach hinten und lässt sein
Spielgerät just im richtigen Augenblick los. Ein immer wiederkehrendes Ritual. Tausende
Mal erprobt. Im Gegensatz zu den anderen Spielern am Sonntag wirft oder legt Eberspach aus
der Hocke. Er erhofft sich damit einen sichereren und kontrollierteren Abwurf als aus dem
Stand. Fast berührt seine Kugel das „Cochonnet“, das auf Französisch doch etwas eleganter
als die deutsche Übersetzung Ferkel oder Schweinchen klingt. Der 14-Jährige heimst einen
Dreier ein.
Bei der ersten Aufgabe des Boule-Sportabzeichens muss die Spielkugel in sechs Versuchen in
den Zielsektor mit unterschiedlichen Wertungsbereichen gelegt werden. Einen, zwei oder gar
drei Punkte gilt es zu holen. Wer komplett daneben liegt, für den muss Prüferin Anette
Schangai auch mal zwangsläufig eine Null eintragen. Ob Eberspach mit dem ersten
Durchgang zufrieden ist? Anzusehen ist es ihm nicht, denn während der knapp zweistündigen
Prüfung hat der Youngster sein Pokerface aufgesetzt, verzieht kaum eine Miene. Nur hin und
wieder, so zumindest lässt es sich ansatzweise erahnen, huscht ein kleines Lächeln über sein
Gesicht oder er ruft seiner Boule-Kollegin Emily Weiß ein aufmunterndes „Allez“ zu.

Ludwigshafener starten beim Länderpokal
Am Ende reicht es für den Edigheimer zum Bronzenen Sportabzeichen. Der 14-Jährige ist ein
echter Pétanque-Profi, war bei den Minimes, der jüngsten Altersklasse, bereits zwei Mal
deutscher Meister. Unter anderem mit Nachwuchs-Nationalkader-Athlet Alexander Hein
(ASV Ludwigshafen), der am Sonntag zeitgleich das Leistungsabzeichen beim Jugendwart
des rheinland-pfälzischen Landesverbandes, Horst Hein, macht, wird Eberspach in Kürze
beim Länderpokal im Saarland starten. In der Pfalz gebe es aktuell 28 Kinder, die mit Lizenz
spielen, 17 allein kämen aus Ludwigshafen, sagt Horst Hein stolz. „Wir sind hier wirklich
eine Hochburg“, macht er deutlich.
Ein langgezogenes „Ja“ hallt am Sonntagnachmittag kurz nach halb vier über den Platz.
Ingrid Kaiser (75) freut sich wie Bolle über das Silberne Boule-Sportabzeichen. Lange ist die
ehemalige Physiotherapeutin noch nicht dabei. „Das sind vielleicht jetzt zwei Jahre“, sagt die
Sportskanone. Gemeinsam mit Ehemann Walter-Georg war sie damals im Heuweg spazieren
und entdeckte die schmucke Anlage des VSK. Da war es um sie geschehen. Seitdem kommt
sie regelmäßig hierher und spielt gemeinsam mit ihrem Mann oder aber alleine.
Rückblick: Paul Lagall, Boule-Abteilungsleiter des VSK Niederfeld, gibt um Punkt 14 Uhr
den Startschuss und schickt die Boulisten mit den Worten „Lasst die Spiele beginnen“ auf die
Anlage. In ihrer ruhigen Art erklärt Anette Schangai, eine von nur zehn Prüfern in Rheinland Pfalz und dazu noch die einzige Frau, den Ablauf der sechs Prüfungsaufgaben: drei Übungen
im Legen, drei Übungen im Schießen. Jeder, so stellt sich heraus, hat dort oder dort seine
Stärken und Schwächen. Und dann kommt ja noch der sich ständig wechselnde Untergrund
hinzu, der so manchen Boulisten im Idealfall innerlich oder lauthals fluchen lässt. „Ein
einziges Steinchen kann die komplette Richtung verändern“, erklärt Lagall. Auch die
Witterung hat Einfluss auf die Bodenbeschaffenheit, die den Akteur immer wieder aufs Neue
fordert.

Technik hat ihre Tücken
Die Technik des Boulespielens hat ihre Tücken, benötigt Übung und der Abteilungsleiter
demonstriert, wie sich je nach Handhaltung die Richtung der Kugel ändert. Der Handrücken
zeigt beim Legen und Schießen grundsätzlich nach oben, der Daumen – ob nach oben oder
unten gerichtet – leitet einen Links- oder Rechtsdrall ein.
Das Boule-Sportabzeichen richtet sich explizit an Breitensportler. Doch ganz so einfach ist es
dann doch nicht, das Bronzene, Silberne oder gar Goldene zu bekommen. Dementsprechend
konzentriert geht es im Boulodrom zur Sache. „Gespielt wird mit Schwung, aber ohne Kraft“,
erläutert Lagall. Und selbst dem erfahrenen Boulisten passiert es, dass bei der ersten Prüfung
im Legen die eine oder andere Kugel weitab des eigentlichen Sektors landet. Schnell aber
grooven sich die Spieler ein. Das Gefühl für die Entfernung habe sie beim Golfen gelernt,
erzählt Ingrid Kaiser. Anfangs war das Legen eine ihrer Stärken. „Ich war erst eine
,Legehenne’ und habe mit der Zeit den Mut zum Schießen gefunden“, sagt sie lachend. Bei
Schießprüfung eins gilt es sechs Kugeln aus dem Schießkreis zu bugsieren. Auch hier werden
Punkte verteilt. Eines sei verraten: Nicht jeder sammelt am Sonntag ausreichend Zähler fürs
Boule-Sportabzeichen. Aber zum einen war es eine Premiere beim VSK und zum anderen, so
versprechen es die Verantwortlichen, wird es nicht die letzte Möglichkeit bleiben, sich im
Boule-Sportabzeichen zu versuchen. „Der Spaß steht ja im Vordergrund“, meint eine
keinesfalls enttäuschte Seniorin und macht sich nach der Prüfung auf, um noch eine Runde
Boule zu spielen – ganz ohne Druck.

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